Sei du selbst der Wandel, den du dir auf der Erde wünschst

Dieser Satz von Mahatma Gandhi ist weltbekannt und wird im Zusammenhang der Bewegung des sozial-ökologischen Wandels gerne zitiert. Doch was bedeutet es, wenn wir diesen Satz wirklich ernst nehmen?

Der eine oder die andere bezieht den Satz darauf, dass er oder sie sich vornimmt, weniger zu konsumieren, sich vegan zu ernähren, sich bei Foodsharing zu engagieren und Lebensmittel zu retten, die sonst im Müll landen würden, keine Plastiktüten mehr zu verwenden oder im Unverpacktladen einzukaufen. Das alles sind wertvolle und wichtige Schritte im Äußeren, um einen individuellen Beitrag für einen lebenswerten, gerechten Planeten zu leisten.

Im Seminar Wandlungs(t)räume-Coach befassen wir uns aber auch mit dem notwendigen inneren Wandel, den es braucht, damit wir unseren Träumen von einer besseren Welt näher kommen. Die Auseinandersetzung mit unserer inneren Haltung fördern wir dabei durch verschiedene Methoden, die Gestaltung bestimmter Rahmenbedingungen, durch Vorleben sowie die Einladung an alle Beteiligten, einen Wandlungsraum mitzugestalten.

 

Fishbowl-Rollenspiel

Eine Methode, um bei allen Beteiligten Selbstreflexionsprozesse anzustoßen, war das so genannte Fishbowl-Rollenspiel. Dabei ging es darum, dass fünf Personen sich in die Mitte eines Kreises setzten und Rollenkarten erhielten. In diesen wurde beschrieben, welches Menschen- und Weltbild sie haben, woran sie glauben oder auch nicht. Auf der Basis dieser Rollenvorgaben sollten die fünf Personen einen Konflikt lösen, nämlich eine gemeinsame Entscheidung treffen. Es ging in diesem Fall um die fiktive Frage, ob sie als Showtanzgruppe eine Einladung für ein gut bezahltes Engagement in den USA annehmen sollten, wofür der Auftraggeber ihnen auch die Flugreise bezahlen würde.

Weder die Zuschauenden, noch die diskutierenden Personen wussten, was auf den verschiedenen Rollenkarten stand. Insofern konnten sich alle innerlich beteiligen, indem sie überlegten, wie sie selbst wohl in einer solchen Situation argumentieren würden. Wer wollte, konnte auch eine Person aus der Mitte des Kreises ablösen, ihre Rollenkarte lesen, um dann aus ihrer Perspektive weitere Impulse und Argumente zu dem Gespräch des Innenkreise beizutragen. Es gab auf den Rollenkarten keine Vorgaben, wie genau die Person ihren Standpunkt vertreten sollte, nur ihr Menschen- und Weltbild und das, woran sie selbst glaubte, stand auf den Rollenkarten.

 

Das Fishbowlgespräch war somit eine Gelegenheit, um sich selbst zu erkennen:

  • Erkenne ich eigentlich in Gesprächen, aus welcher Perspektive mein Gegenüber argumentiert, welches Welt- und Menschenbild er hat, woran er glaubt oder auch nicht? Interessiert mich das überhaupt oder werte ich den anderen ab?
  • Bin ich ein Besserwisser?
  • Lehne ich meine Mitmenschen ab, trenne mich äußerlich oder innerlich von ihnen oder bejahe ich in jedem Menschen das Gute, sehe in erster Linie auf das Gemeinsame, Verbindende und kann darüber – ohne zu werten – auch das ansprechen, was nicht meinen Werten entspricht?
  • Wenn ich anderen eine Rückmeldung gebe, spreche ich dann zuerst das an, was ich beim Tun, bei dem Gesprächsbeitrag des Anderen, bei der erprobten Methode sowie ihrer Anleitung als positiv und gelungen empfand, um dann auch konstruktive Verbesserungsvorschläge und Anregungen zu geben? Oder will ich immer nur „das Haar in der Suppe finden“?
  • Wenn ich meine Rückmeldung gebe, schwingt dann in der Unterkommunikation Abwertung, Ablehnung und destruktive Kritik mit oder rede ich – im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) – aus der Ich-Perspektive, z. B.: „Ich habe wahrgenommen dass …“, „Ich habe empfunden, dass …“, „Ich wünsche mir, dass …“?
  • Denke, fühle und rede ich bestimmten Menschen vorne herum anders als ich mich gebe, hintenrum mache ich sie jedoch schlecht, anstatt alles offen und ehrlich anzusprechen und somit die Chance zu ermöglichen, dass beide Seiten sich selbst erkennen und dazulernen dürfen?
  • Wie gehe ich mich mit Kritik um – vor allem dann, wenn sie nicht konstruktiv daher kommt und ich sie möglicherweise sogar als verletzend empfinde? Nehme ich sie persönlich und wehre sie ab oder bin ich bereit und in der Lage, sie dankend anzunehmen und daraus zu lernen?
  • Bin ich nachtragend und gehe innerlich auf Distanz zu Menschen, die mir ihre Meinung, ihre Kritik oder ihr Bedürfnis gesagt haben, möglicherweise auf eine Art und Weise, die ich nicht akzeptieren konnte oder wollte oder suche ich in solchen Situationen von mir aus das Gespräch und teile dem Anderen mit, was ich empfunden habe oder was mich gar verletzt hat?

Das Ausprobieren des Perspektivwechsels sowie die Selbsterfahrung, wie wir alle bei diesem Fishbowl-Experiment gedacht und gefühlt haben, hat alle Beteiligten sehr inspiriert und zu Selbsterkenntnissen oder zu Vorsätzen geführt, wie sie in solchen und ähnlichen Situationen mit Konflikten anders umgehen können. Der Austausch darüber inspirierte alle Beteiligten auch dazu, sich weitere Varianten und Vertiefungen einer solchen Diskussion auszudenken, zum Beispiel, indem das gleiche Gespräch noch einmal durchgeführt wird, nachdem alle Beteiligten sich mit Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) auseinandergesetzt haben.

Auf diese Weise hatten alle Beteiligten die Möglichkeit, ihre innere Haltung zu hinterfragen und sich Vorsätze vorzunehmen, um auch in ihrem Alltag daran zu arbeiten.

Bingospiel - Methode zum spielerischen Austausch über Handlungsmöglichkeiten

Bingospiel – Methode zum spielerischen Austausch über alternative, global gerechte Handlungsmöglichkeiten

Vom inneren zum äußeren Wandel

Was hat eine solche Methode nun mit Globalem Lernen zu tun? Inwiefern kann sie dazu beitragen, dass Menschen sich mit Themen des Globalen Lernens auseinandersetzen wollen, dass sie mehr Empathie und Mitgefühl mit anderen, z. B. Menschen im Globalen Süden, entwickeln bzw. entwickeln wollen? Inwiefern kann eine solche Methode dazu beitragen, dass wir selbst beginnen, auch im Äußeren Schritte zu tun, um gerechter, wertschätzender, achtsamer, genügsamer leben zu lernen?

De Facto stehen wir in unserem Leben immer vor Entscheidungen, bei denen wir Prioritäten setzen (müssen). Wenn eine Greta Thunberg symbolträchtig und öffentlichkeitswirksam mit dem Segelboot über den Atlantik zur UN-Klimakonferenz reist, nimmt sie gleichzeitig in kauf, dass durch ihre Reise fünf klimaschädliche Flüge ausgelöst werden, weil Crewmitglieder über den Atlantik fliegen, um das Segelboot zurückzuholen – wie die taz berichtet. Für die fünf Flüge bezahlt die Crew Kompensationsbeiträge zu Projekten, die Treibhausgas binden.

Wir stehen im Leben immer wieder vor solchen oder ähnlichen Entscheidungen. Wir setzen unsere Prioritäten entsprechend unseren Zielen, Werten, unserem Welt- und Menschenbild sowie entsprechend unserer eigenen Auffassung von dem, was wir als Sinn des Lebens ansehen.

Die gespielte Situation hatte somit sehr klare Realitätsbezüge. Sie sollte alle Beteiligten zum Nachdenken anregen:

  • Wenn ich im Kleinen, lokal, in meinem persönlichen Umfeld, nicht den Frieden (vor-)lebe, den ich mir in der Welt wünsche, wie kann ich dann zum Frieden in globalem Maßstab beitragen?
  • Wenn ich meine Mitmenschen abwerte, ablehne, „links liegen lasse“, mich von ihnen trenne, weil ich angeblich „besser“ bin und es „besser“ weiß, wie kann dann im globalen Maßstab eine gerechte Welt entstehen? Wie kann ich dann von Anderen Wertschätzung einfordern, die ich selbst nicht bereit bin zu entwickeln und zu geben?

Wenn wir uns diese Zusammenhänge nicht bewusst machen, dann erreichen wir mit unseren Taten und Worten möglicherweise eher das Gegenteil. Wir leben dann vielleicht vegan, was sicherlich ein wichtiger und effektiver Beitrag im Äußeren zu einer gerechteren Welt ist, aber wir verurteilen andere und lehnen sie ab, weil sie „noch nicht so weit sind, wie wir von uns selbst meinen, zu sein“. Unsere Mitmenschen fühlen sich dann abgestoßen, verurteilt, abgelehnt und reagieren möglicher unreflektiert wie ein Spiegel: Sie spiegeln uns unsere Ablehnung, unsere Besserwisserei, unsere Abwertung und unsere Verurteilung zurück, weil sie dadurch – meist unbewusst – ihr verletztes Selbstwertgefühl wieder herstellen wollen. Sie fangen an, sich zu rechtfertigen und die, die sich ihnen gegenüber als moralisch Überlegene aufgespielt haben, ebenfalls zu verurteilen und abzulehnen. Unter Umständen führt das dazu, dass sie – nun erst recht – Vorurteile, Hass und Abneigung gegen vegan lebende Menschen entwickeln, sie als „extrem“ und als „belehrend“ aburteilen und das Gegenteil von dem tun, was diese eigentlich erreichen wollten.

Ungerechte Ressourcenverteilung - spielerisch in der Natur erleben

Ungerechte Ressourcenverteilung – spielerisch in der Natur erleben und reflektieren

Innere Haltung reflektieren und ändern

Solange wir uns in diesem Sinne nicht selbst hinterfragt, erkannt und geändert haben, solange wir unsere innere Haltung nicht überdacht und gewandelt haben, werden unsere pädagogischen Angebote – selbst mit noch so guten Methoden – nicht wirklich fruchten.

Das sollten wir uns als Multiplikator*innen von BNE und von Globalem Lernen immer bewusst machen. Es genügt keinesfalls, nur Informationen zu vermitteln, Menschen bestimmte globale Zusammenhänge sowie unseren Anteil an globaler Ungerechtigkeit aufzuzeigen. Wissen führt nicht automatisch zum Handeln. Das weiß und erfährt Jede*r tagtäglich.

Wir sollten uns vielmehr tagtäglich selbst beobachten, uns selbst hinterfragen und reflektieren, ob und – wenn ja – inwiefern wir unsere Mitmenschen wirklich verstehen und verstehen wollen.

Was Viele übersehen: Viele Menschen in unserer Welt leben mehr oder weniger suchtartig. Sie halten suchtartig an bestimmten Gewohnheiten, z. B. Fleischessen, fest, weil sie Angst davor haben, dass sie auf ein Stück Lebensqualität verzichten müssten, wenn sie sich ändern würden. Sie betäuben sich mit Konsum, Statussymbolen, Macht, Geld, Völlerei und vielem mehr. Viele halten sich möglicherweise für „Genießer“. Und Genuss ist für sie der Sinn des Lebens.

Solange es uns nicht gelingt, Menschen einen Weg aufzuzeigen, wie sie ihr suchtartiges Verhalten überwinden und herausfinden können, welche „Suche“ möglicherweise dahinter steckt, solange wir Menschen nicht vorleben und Wege aufzeigen können, wie sie innerlich erfüllt, glücklich und friedvoll werden können, werden Menschen zwar vielleicht Wissen über globale Zusammenhänge, über Ungerechtigkeiten, über die Klimakrise und vieles mehr zur Kenntnis nehmen oder aufnehmen, aber ihr Verhalten werden sie nicht ändern.

  • Worin siehst du den Sinn des Lebens?
  • Was ist dein Menschen- und Weltbild?
  • Welche Erfahrungen hast du – bei dir selbst und mit anderen – gemacht, um suchtartiges Verhalten zu überwinden?

Wir freuen uns auf deinen Kommentar!

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